EZB dürfte am 29. Oktober stillhalten – das ist noch keine Entwarnung
Eine Zinspause in Frankfurt gilt als wahrscheinlich, doch steigende Anleiherenditen verschärfen die Finanzierungsbedingungen ohnehin. Sparer und Kreditnehmer sollten mit hohen Zinsen planen.
Foto: Norbert Nagel / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
Wenn die Europäische Zentralbank am 29. Oktober nichts unternimmt, hat sie dann die Straffung beendet? Nicht unbedingt. Unserer Einschätzung nach hat der Anleihemarkt diese Aufgabe übernommen, und deutsche Haushalte sollten eine Pause nicht als Freibrief verstehen.
Was ansteht
Die Entscheidung wird laut deltavalue.de am 29. Oktober um 14.15 Uhr deutscher Zeit erwartet. Die EZB hatte am 10. September alle drei Leitzinsen um 25 Basispunkte angehoben. Damit liegt der Einlagensatz bei 2,50 % und der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,65 %. Zuvor hatte es im Juni eine Erhöhung gegeben, die erste seit fast drei Jahren.
Analysten erwarten eine unveränderte Haltung. Wie think.ing.com der ING argumentiert, hat der Renditeanstieg während der französischen Haushalts- und Regierungskrise bereits eine restriktive Ausrichtung bewirkt. Die ING schätzt, dass der Anstieg der deutschen Renditen seit September ungefähr die Wirkung einer weiteren Zinserhöhung um 25 Basispunkte hatte. Für Frankreich liege der Effekt eher bei 50 Basispunkten. Ihr Fazit: Der Anleihemarkt „hat die Aufgabe der EZB übernommen“.
Eine Pause, die dennoch straffend wirkt
Eine Zinspause klingt nach guter Nachricht. Wir halten diese Lesart für falsch. Die Zinsen bleiben nicht deshalb unverändert, weil der Druck nachgelassen hätte, sondern weil die Märkte den Druck für die EZB ausüben. Die ING hält die Konjunkturdaten weiterhin für ausreichend, um eine weitere Anhebung zu rechtfertigen. Die Gesamtinflation ist im September erneut gestiegen, und die Wirtschaft der Eurozone zeigt sich widerstandsfähig.
Für deutsche Leser heißt das: Der Leitzins ist nur ein Faktor. Langfristige Renditen wirken auf die Kreditkosten in einer Weise, die der Einlagensatz nicht abbildet. Bleiben sie hoch, wird eine Baufinanzierung nicht deutlich günstiger, nur weil sich Frankfurt ruhig verhält. Aktuelle deutsche Hypothekenzinsen liegen uns nicht vor, deshalb nennen wir keine. Das Argument liegt im Mechanismus: Wenn Renditen die Straffung besorgen, lockert eine Zinspause nichts.
Zugleich ist die nächste Erhöhung nicht vom Tisch, sondern nur verschoben. Die ING erwartet die Entscheidung im Dezember, wenn neue Projektionen der Fachleute vorliegen. Drei Faktoren seien ausschlaggebend: wie lange der Krieg im Nahen Osten die Ölpreise hoch hält, ob die Energiekosten auf die übrige Wirtschaft durchschlagen und ob Frankreich eine haushaltspolitische Lösung findet. Darin steckt eine Ironie: Eine französische Lösung würde die Renditen beruhigen und könnte der EZB so den Weg für eine weitere Erhöhung freimachen.
Was Sparer und Kreditnehmer tun sollten
Dies ist keine persönliche Beratung, und die deutschen Regeln sowie die eigene Situation zählen mehr als jede Kolumne. Aus den Fakten ergeben sich aber einige Planungsgrundsätze.
Kreditnehmer. Gehen Sie davon aus, dass die heutigen Bedingungen die Basis sind und keine vorübergehende Spitze. Steht eine Anschlussfinanzierung an oder haben Sie einen variabel verzinsten Kredit, kalkulieren Sie mit den aktuellen oder höheren Zinsen, nicht mit erhofften Senkungen. Die vorliegenden Unterlagen geben keinen Hinweis auf baldige Senkungen. Sie beschreiben eine Debatte darüber, ob erneut erhöht werden soll.
Sparer. Ein Einlagensatz von 2,50 % ist der Bezugspunkt. Legen Sie Geld nicht für lange Zeit fest, weil Sie mit sinkenden Zinsen rechnen. Ebenso wenig sollten Sie einer Erhöhung hinterherlaufen, die vielleicht nie kommt. Vergleichen Sie die Angebote Ihrer Bank am Tag der Entscheidung. Zu bedenken ist auch, dass die Gesamtinflation steigt; entscheidend ist daher die reale, nicht die nominale Rendite.
Alle. Achten Sie mehr auf die Pressekonferenz als auf die Zahl. Die ING erwartet eine Sitzung, die „bei den Beschlüssen ereignislos, bei den Worten aber deutlich nicht“ verlaufe. Fragen zu Frankreich und zum Transmission Protection Instrument der EZB dürften dominieren. Laut Le Monde sagt der Chef der Banque de France, die Voraussetzungen für ein solches Eingreifen seien nicht erfüllt; die Rendite zehnjähriger französischer Anleihen bewegt sich nahe 5 %. Wir glauben, dass die EZB nur zögerlich früh eingreifen wird, weil das wie die Finanzierung einer Regierung wirken könnte, die sich nicht an die Regeln hält. Das ist unsere Interpretation, und die ING argumentiert ähnlich.
Unser Urteil
Rechnen Sie mit einer Zinspause, aber nicht mit Entlastung. Das Risiko für deutsche Haushalte ist nicht ein überraschender Schritt am Donnerstag, sondern Selbstgefälligkeit: die Pause als Ende des Zyklus zu lesen, während Renditen, Energiepreise und französische Politik die Bedingungen straff halten. Planen Sie mit dauerhaft hohen Zinsen im Winter, und betrachten Sie den Dezember als das wichtigere Datum.
Noch keine Themen: Eröffne das erste.
Weitere Artikel
Deutschlands Mittelschicht ist keine einzelne Zahl – und das ist wichtig
Einkommensgrenzen bieten eine nützliche Orientierung für Deutschlands soziale Schichten. Doch Haushaltsgröße, Vermögen, Wohnen und regionale Kosten machen „reich“ und „arm“ weitaus komplexer als eine Gehaltszahl.
Deutschlands Biomasse-Rückzug verschafft Gasheizungen Zeit, aber keine Sicherheit
Berlin lockert die Regeln für Gasheizungen und verschiebt zugleich die Biomassestrategie, die sie stützen sollte. Haushalte gewinnen Flexibilität – verlieren aber einen verlässlichen Weg.
Japans Exportboom ist real – aber zu einseitig, um ihm zu vertrauen
Ein Exportanstieg um 16,7 % wirkt beeindruckend. Doch Chips und ausgewählte Industriegüter könnten eine Erholung tragen, die durch schwächeren Handel, Zölle und volatile KI-Nachfrage gefährdet ist.
Italiens Debatte über eine Vermögensteuer ist eine Vertrauenskrise
Italien kann höhere Abgaben auf große Vermögen rechtfertigen. Eine Vermögensteuer bleibt jedoch ein Symbol, solange der Staat bestehende Einnahmen nicht besser einsetzt.



