„Die Geschichte sagt kaufen“ ist nach dem KI-Einbruch um 5 Billionen Dollar ein schwaches Argument
Saisonale Muster sehen die beste Phase für Aktien jetzt beginnen. Doch Basisraten blenden Konzentration, Bewertung und heutige Renditen aus, und regelmäßiges Einzahlen schlägt das Raten der Erholung.
Foto: Autor desconocido / Wikimedia Commons (Public domain)
Wenn eine Schlagzeile einen Verlust von 5 Billionen Dollar mit „die süßeste Phase beginnt jetzt“ verbindet, lohnt die Frage, welche Hälfte die Arbeit leistet. Der Verlust ist belegt. Die Süße ist ein Muster. Und ein Muster ist kein Versprechen.
Die Schlagzeile stammt aus einem Beitrag von AOL mit dem Titel „AI stocks just lost $5 trillion — but history says the stock market's sweetest stretch starts now“ (KI-Aktien haben gerade 5 Billionen Dollar verloren, aber die Geschichte sagt, dass die beste Phase am Aktienmarkt jetzt beginnt). Das Argument stützt sich auf Saisonalität. Mit den Zwischenwahlen am 3. November weisen Kommentatoren darauf hin, dass Oktober und November historisch die stärksten Monate am Ende eines Zwischenwahljahres waren und dass Aktien nach der Wahl tendenziell gestiegen sind.
Die Zahlen dahinter sind real. Emkay Global Financial Services ermittelte, wie Mint berichtet, durchschnittliche Gewinne des S&P 500 von rund 6 % in den 60 Handelstagen nach Zwischenwahlen, 12 % in 120 und 17 % in 180. Das sind jedoch Durchschnittswerte, und dasselbe Brokerhaus warnt davor, davon auszugehen, dass sich das Muster diesmal wiederholt.
Eine Basisrate beschreibt die Vergangenheit, nicht Ihre Ausgangslage
Durchschnitte verschmelzen sehr unterschiedliche Ausgangsbedingungen zu einer beruhigenden Zahl. Emkays eigene Einschränkungen machen das besser deutlich, als wir es könnten. Der S&P 500 liegt bereits rund 12 % über dem Stand von vor sechs Monaten, sodass aus unserer Sicht ein Teil der Erholung wohl schon eingepreist ist. Die Renditen zwei- und zehnjähriger US-Staatsanleihen liegen etwa 120 beziehungsweise 100 Basispunkte höher, und Rohöl der Sorte Brent hat um rund 61 % zugelegt. Das ist kein typisches Umfeld für Zwischenwahlen.
Emkay verweist zudem auf 2018: Die Wahl führte zu einer politischen Blockade, doch US-Aktien gaben zunächst nach und erholten sich, als die Renditen der Staatsanleihen deutlich fielen. Das ist aus unserer Sicht die zentrale Lehre. Nicht der Kalender hat den Markt gerettet, sondern die Zinsen. Sind Renditen und Ölpreis diesmal die eigentlichen Treiber, dann ist „der November ist stark“ eine Randnotiz, keine Analyse.
Hinzu kommt ein Stichprobenproblem. Zwischenwahlzyklen liefern nur wenige Beobachtungen, und jede entstand in einer anderen Wirtschaftslage. Saisonalitätsgrafiken lesen sich unterhaltsam, doch wer sie als Auslöser behandelt, kauft am Ende eine Geschichte statt eines Vermögenswerts. Selbst die bescheideneren Zahlen zeigen die Grenzen: Eine Saisonalitätsstudie sieht den November im Durchschnitt nur auf Rang fünf von zwölf Monaten, mit einem Plus von etwa 1 %.
Entscheidend ist, was Sie besitzen, nicht welcher Monat ist
Ein Rückgang von 5 Billionen Dollar bei KI-Werten sollte zu einer anderen Prüfung anregen: Wie viel Ihres Portfolios hängt tatsächlich an ihnen? Wer einen breiten Indexfonds hält, ist womöglich stärker einer Handvoll KI-naher Konzerne ausgesetzt, als er denkt. Wir können nicht sagen, wie konzentriert der Index heute ist, also werfen Sie einen Blick auf die größten Positionen Ihres eigenen Fonds. Diese Zahl ist weit wichtiger als jede Saisongrafik.
Die zweite Prüfung betrifft die Bewertung. Ein starker Kursrückgang macht etwas nicht billig. Er macht es nur billiger, als es war. Ob KI-Aktien jetzt einen vernünftigen Preis für ihre Gewinne bieten, ist eine Frage nach Erträgen und Erwartungen, und „die Geschichte sagt kaufen“ beantwortet sie nicht. Wir würden das als Risiko gewichten, nicht als Detail abtun.
Regelmäßiges Einzahlen schlägt cleveres Timing
Nichts davon heißt, dass die Erholung ausbleibt. Sie kann kommen, und die Basisraten geben ihr ordentliche Chancen. Unser Einwand richtet sich dagegen, sie als Plan zu verwenden. Wer glaubt, die nächsten sechs Monate seien garantiert gut, wird versucht sein, auf einmal einzusteigen, und sich töricht fühlen, falls Renditen oder Ölpreis den Markt wie 2018 in die andere Richtung treiben.
Ein langweiligerer Ansatz hält in beiden Fällen stand. Zahlen Sie weiter denselben Betrag im selben Rhythmus ein. Steigt der Markt, profitieren Ihre früheren Käufe; fällt er, erhalten Sie für dasselbe Geld mehr Anteile. Schichten Sie um, wenn das KI-Engagement über das hinaus gewachsen ist, was Sie ertragen können, und halten Sie Geld, das Sie bald brauchen, ganz aus dem Aktienmarkt heraus. Das ist allgemeine Information, keine persönliche Beratung, und Ihre steuerlichen und rentenrechtlichen Regeln hängen von Ihrem Land ab.
Unser Urteil: Das saisonale Argument ist nicht falsch, sondern schwach. Es ist ein vernünftiger Grund, ruhig zu bleiben, und ein schlechter Grund, die Strategie zu ändern. Wer die Konzentration prüft, die Bewertung betrachtet und planmäßig weiter einzahlt, muss nicht wissen, ob die süße Phase jetzt beginnt.
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