VW will offenbar Steuerzahler an den Kosten des Stellenabbaus beteiligen – Anleger sollten hellhörig werden
Die Forderung nach einer öffentlich finanzierten Transfergesellschaft deutet darauf hin, dass der Umbau bei Volkswagen größer und teurer ausfällt als der im September gefeierte „Durchbruch“.
Wer zahlt, wenn ein Unternehmen zu dem Schluss kommt, es habe zu viele Beschäftigte? Jahrzehntelang lautete die Antwort schlicht: das Unternehmen. Volkswagen scheint nun eine andere Antwort zu wollen – und das verrät mehr über den Konzernumbau als jede Investorenpräsentation.
Das ist der bekannte Stand. Laut IG Metall hat der VW-Vorstand in den Verhandlungen über den Tarifvertrag „Zukunft“ eine öffentlich finanzierte Transfergesellschaft vorgeschlagen, als zusätzliches Instrument für einen drastischen Personalabbau. Die Gewerkschaft spricht von einer Sanierung auf Kosten der Steuerzahler und verweist darauf, dass die Aktionäre im Juni 2,6 Milliarden Dividende erhalten haben. t-online berichtet von weiteren 12.000 Stellen, die bei der Kernmarke bis 2030 wegfallen sollen. Hier ist Vorsicht geboten: Der Vorschlag wird von der Gewerkschaft geschildert, die Sicht des Unternehmens liegt uns nicht vor.
Das geschieht wenige Wochen nach der Zustimmung des Aufsichtsrats zu einem Plan, der laut CNBC zu den bereits beschlossenen 50.000 Stellen weitere 50.000 Streichungen hinzufügt, insgesamt also 100.000. Die Aktie legte am Freitag nach der Ankündigung um rund 8 % zu.
Der Plan wurde als abgeschlossen verkauft. Die Forderung spricht dagegen
Die Deutsche Bank nannte die Einigung vom September einen „grundlegenden Durchbruch“, warnte aber zugleich: „Die Umsetzung bleibt entscheidend.“ Wir meinen, dass die neue Forderung genau der Punkt ist, an dem die Umsetzung zu schmerzen beginnt. Wäre der Plan voll finanziert und im Budget, gäbe es kaum einen Grund, für den Abgang von Beschäftigten nach fremdem Geld zu suchen.
Unsere Lesart – und mehr ist es nicht – lautet: Der Schrumpfkurs kostet mehr, als der Markt eingepreist hat. Abfindungen, Umschulungen und Vorruhestandsregelungen sind nicht umsonst, und ein Konzern, der gerade angekündigt hat, einen „dreistelligen Milliardenbetrag“ in seine Marken zu investieren, hat viele konkurrierende Ansprüche an seine Liquidität. Öffentliche Mittel würden einen Teil dieser Rechnung aus der Gewinn- und Verlustrechnung nehmen. Ein Zeichen von Stärke ist das nicht.
Die Dividende macht die Forderung schwer vermittelbar
Der schwächste Punkt des Vorschlags ist die Außenwirkung, doch die zählt hier. Ein Unternehmen, dessen Aktionäre laut Gewerkschaft im Juni 2,6 Milliarden Dividende erhielten und das dann die Allgemeinheit bittet, die Kosten von Entlassungen mitzutragen, verlangt etwas, das viele Wähler kaum akzeptieren dürften. Das Prinzip ist alt: Gewinne bleiben privat, Verluste werden vergesellschaftet. Ob die Regierung mitspielt, ist eine politische Entscheidung; darauf würden wir nicht wetten.
Für Anleger ist die Lehre praktisch. Ausschüttungspolitik und Restrukturierungskosten hängen zusammen. Muss VW für die Transformation Liquidität schonen, ist die Dividende das naheliegende Ventil. Wer die Aktie wegen der Erträge hält, sollte sie als weniger sicher betrachten, als sie aussieht. Das ist keine Anlageberatung, sondern eine Beobachtung dazu, wie die Teile zusammenhängen.
Die Arbeitskosten sind nicht das eigentliche Problem – und die Gewerkschaft weiß das
IG Metall argumentiert, die Löhne seien nicht das Leiden von VW: Unter Berufung auf den Geschäftsbericht sei die Personalkostenquote von 17,5 % im Jahr 2021 auf 15,2 % im Jahr 2025 gesunken, und selbst eine Halbierung der Vergütung nach Haustarif würde Autos nur um etwa 5 % billiger machen. Das ist eine Behauptung der Gewerkschaft, stützt sich aber auf die Zahlen des Unternehmens und passt zum übrigen Bild: Zölle, die VW 2025 2,9 Milliarden Euro kosteten, chinesische Konkurrenz und, in den Worten von Kevin Thozet von Carmignac, ein Europa mit „zu vielen Fabriken“.
Wenn diese Diagnose stimmt, löst ein Personalabbau nur einen Teil des Problems. Den Rest lösen Autos, die die Menschen kaufen wollen. Zudem hat der Sparkurs inzwischen einen rechtlichen und sozialen Preis: VW hat fast alle Haustarifverträge zum 30. September gekündigt, die Friedenspflicht endet am 31. Dezember, Streiks sind also ab dem 1. Januar möglich. Die Gewerkschaft verweist zudem auf die Beschäftigungssicherung, die betriebsbedingte Kündigungen bis 2030 ausschließt – was jeden „sozialverträglichen“ Abbau unseres Erachtens von vornherein langsam und teuer macht.
Unser Urteil
Die Forderung an die Steuerzahler sollte man als Signal verstehen, nicht als Randnotiz. Der Umbau ist vermutlich tiefgreifender und teurer, als es die Euphorie vom September nahelegte, und der Arbeitskampf erhöht ab Januar das Umsetzungsrisiko. Die Beschäftigten haben Grund, Zusagen zu verteidigen, die sie nach eigener Aussage hart erkämpft haben. Anleger sollten bei der nächsten Telefonkonferenz zu den Quartalszahlen eine klare Frage stellen: Was kostet die Restrukturierung, wer zahlt, und was heißt das für die Dividende? Ein Unternehmen, das seinem Plan vertraut, beantwortet das, ohne die Hand aufzuhalten.
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